Inhaltliche Aspekte unserer Arbeit
1. Ganzheitliche Sichtweise.
Mit unseren Förderbemühungen versuchen wir, das Umfeld (Familie,
Arbeitsplatz, Schule usw.) in die Ziel- und Methodenüberlegungen mit
einzubeziehen und nicht isoliert den Klienten zu verändern. Durch Hereinnehmen
der Lebensperspektiven in unsere Arbeit - was durch die sehr weite Altersspanne
unserer Klienten und die meist über mehrere Jahre laufende Zusammenarbeit
unterstützt wird - bemühen wir uns, gemeinsam mit allen Beteiligten
Ziele zu entwickeln, die langfristig Werte für die Betroffenen darstellen;
dies sind z.B. Ziele wie Kommunikations- und Beziehungsfreude, Selbständigkeit,
Gemeinschaftsfähigkeit.
2. Orientierung an verstehenden Therapie- und Pädagogikkonzepten.
Viele Verhaltens- und Erlebensweisen von autistisch behinderten Menschen
irritieren oder stören uns. Ohne jedoch die Bedeutung solcher Phänomene
(wie z.B. Stereotypien) zu verstehen oder wenigstens ihre Nebenaspekte zu
kennen, ist pädagogisches oder therapeutisches Handeln zum kurzsichtigen
Agieren verurteilt.
Unser Ziel ist es, bei jedem unserer Klienten individuell zu versuchen,
dem Sinn seiner Handlungen näher zu kommen (z.B. die psychohygienische
Bedeutung bestimmter seltsam erscheinender Bewegungsrituale zu sehen); das
Verstehen seiner individuellen Geschichte und seiner familiären Einbindung
sind wichtige Teile davon. Erst auf dieser - auch solidarisierenden - Basis
des sich Einlassens auf die Welt des autistischen Menschen und seiner Familie
kommen wir zu Entwicklungs- und Veränderungsvorstellungen. Therapie
bzw. Pädagogik und Diagnostik bzw. Erkennen relevanter Dimensionen
bleiben somit verschränkt.
3. Therapeutisches Handeln als Beziehungsarbeit.
Therapeutische und pädagogische Arbeit heißt für uns die
Bemühung, eine individuelle Form menschlicher Beziehungen aufzubauen,
in der wir unsere eigenen Empfindungen, Gefühle, Gedanken, Einstellungen
und Wahrnehmungen als notwendigen Teil der Wechselwirkung zwischen uns und
dem anderen versuchen mit einzubeziehen und möglichst bewusst zu handhaben.
Das schließt eine starre Umsetzung vorhandener Techniken von im Voraus
festgelegten Zielvorstellungen aus. Wir versuchen, als Menschen und nicht
nur als Rollenträger "Therapeut" sichtbar zu sein. Dazu ist
es notwendig, die eigenen Erfahrungen, Phantasien und das Erleben im professionellen
Dialog (z.B. externe Supervision, kollegiale Supervision) zu reflektieren.
Auf diese Weise hoffen wir u.a., offen und sensibel zu bleiben für
die jeweils anstehenden individuellen Handlungsmöglichkeiten und nicht
in Professionalitätsritualen zu erstarren. Die Betonung der Beziehungsdimension
ist gerade in der Arbeit mit autistischen Menschen von Bedeutung, weil der
Aufbau von Beziehungs- und Kommunikationsstrukturen im Zentrum der Schwierigkeiten
autistischer Menschen und ihrer Angehörigen und Bezugspersonen steht.
Die Verwirklichung von gegenseitiger Aufrichtigkeit, die im Chaos von Wahrnehmungsverarbeitungsschwierigkeiten
autistischer Menschen sehr wichtig ist, weil sie mehr Klarheit im Zwischenmenschlichen
bedeutet, ist nur innerhalb eines Beziehungskonzeptes zu realisieren.
4. Orientierung an wissenschaftlichen Modellen, Theorien und Konzepten.
Unser pädagogisches und therapeutisches Handeln orientiert sich an
den sich weiterentwickelnden wissenschaftlichen Erfahrungen insbesondere
aus der Behindertenpädagogik, der Allgemeinen Pädagogik, der Entwicklungspsychologie,
der Psychotherapie und der Psychopathologie. Aus unserer eigenen Praxiserfahrung
haben z.B. Ansätze wie die Entwicklungspsychologie nach Piaget, die
Verstehensmethoden der Psychoanalyse (z.B. M. Mahler, Tustin, Lorenzer),
kind- und klientenzentrierte Ansätze, tiefenpsychologisch fundierte
Therapie, körperorientierte Handlungsverfahren (z.B. nach W. Mall)
und Ansätze familienorientierter Methoden in unserer Einrichtung wichtige
Bedeutung erlangt.
5. Integration und Gemeindenähe.
Es ist unser Wunsch, Kindergarten, Schule, Werkstatt, Arbeit, Wohnen und
Freizeit gemeindenah organisiert und in allgemeine kulturelle Strömungen
und Situationen eingebunden zu sehen. Unsere Arbeit intendiert also auch
eine kulturelle und materielle Veränderung in die Richtung, dass Nichtaussonderung
und solidarischere Verantwortungsverteilung (nicht nur die Familienangehörigen
als Träger der Hauptlasten!) näher rücken. Öffentlichkeitsarbeit
und professioneller Austausch sind einige der Möglichkeiten, mit denen
wir diese Vorstellungen umzusetzen versuchen. Zudem fließen derartige
Zukunftsperspektiven von humanen Lebensformen in unsere Phantasiearbeit
in den Therapiestunden mit ein, was wir möglichst bewusst zu handhaben
versuchen.
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