Zur Geschichte des Autismus-Therapieinstituts Langen

1970 schlossen sich Eltern autistischer Kinder in Lüdenscheid zusammen und gründeten den bundesweiten Selbsthilfeverein „Hilfe für das autistische Kind“.
In den 70er Jahren war Autismus in medizinischen und pädagogischen Fachkreisen in Deutschland noch weitgehend unbekannt. Von etwa 6-7000 autistischen Kindern, die aufgrund epidemiologischer Untersuchungen in Deutschland erwartet wurden, waren dem Bundesverband Mitte der 70er Jahre gerade 600 bekannt (Cordes, 1977).
Viele autistische Kinder fielen damals selbst aus dem System der Sondereinrichtungen aufgrund ihrer schweren Verhaltensauffälligkeiten heraus. Eltern mit autistischen Kindern fühlten sich isoliert und alleine gelassen. Ziel des Bundesverbandes war, zur Aufklärung beizutragen, die Früherkennung, die Schul- und Arbeitssituation autistischer Menschen zu verbessern und spezielle Therapie- und Fördermöglichkeiten zu schaffen. 
Mitte der 70er bis Mitte der 80er Jahre gründeten sich unter dem Dach des Bundesverbandes bundesweit viele Regionalverbände, die wiederum spezielle Therapie- und Beratungsstellen für autistische Menschen aufbauten.
Der Verein  "Hilfe für das autistische Kind, Regionalverband Rhein-Main e.V." gründete sich 1976, das Autismus-Therapieinstitut Langen wurde 1977 von diesem Verein gegründet:


Am 15.2.1977 wurde der erste Psychologe im „Institut zur Therapie autistischer Verhaltensstörungen“ angestellt und konnte mit Therapien in einer angemieteten 2 ½-Zimmer-Wohnung in der  Weserstrasse 11 in Langen beginnen.  Die Geschäftsführung erfolgte ehrenamtlich durch den Vorstand des Vereins „Hilfe für das autistische Kind, Regionalverband Rhein-Main e.V.“. Finanziert wurden die ersten Therapien durch Zuschüsse des LWV, der Stadt Frankfurt und von den Eltern selbst aufgebrachten Mitteln. Im Frühjahr 1977 sagte die Stadt Frankfurt die Kostenübernahme der Therapien nach dem BSHG (Bundessozialhilfegesetz) zu.  Im Oktober 1977 konnte die zweite Psychologin in Teilzeit beschäftigt werden.

1984     erfolgte die Umbenennung in „Autismus-Therapieinstitut“.
Warum diese Namensänderung? Zum Einen war sie Folge des sich verändernden Verständnisses vom Autismus: es zeigte sich, dass Autismus mehr als eine Verhaltensstörung ist, sondern sehr tiefgreifend in die gesamte Entwicklung eingreift, alle Aspekte der Persönlichkeit des Menschen umfasst und meist zu einer lebenslangen Behinderung führt. Zum zweiten erkannte man, dass die autistischen Verhaltensstörungen wie Stereotypien, Rituale, Rückzug usw. nicht einfach Störungen, sondern zugleich Versuche der autistischen Menschen sind, ihre Wahrnehmungen zu ordnen, ihre Spannungen in den Griff zu bekommen - also auch sinnvolle Verhaltensweisen für das Überleben darstellten (vgl. Feuser).
Zum dritten legte das Wort "Verhaltensstörungen" nahe, in der Therapie ginge es nur um Verhaltensänderung der autistischen Menschen. Tatsächlich geht es aber in der Therapie auch um Gefühle (z.B. Ängste), Wahrnehmungen, Entwicklungen, Beziehungen …… und das System bzw. die Lebenszusammenhänge der autistischen Menschen. Denn oft sind es die Menschen im sozialen Umfeld, die lernen müssen, mit diesen so genannten autistischen Verhaltensstörungen zurechtzukommen.


Ab Mitte der 80-er Jahre erfolgte unter der Leitung des Diplompsychologen Gerhardt Wiener (als Psychologe im ATI tätig von 1979-2002) ein behutsamer und kontinuierlicher Ausbau des Autismus-Therapieinstituts: dies beinhaltete konzeptionelle Weiterentwicklungen, in welche die  oben genannten Überlegungen und insbesondere die Beziehungsdimension in der Arbeit mit autistischen Menschen einflossen, die Übernahme neuer Aufgabenfelder sowie personelle und räumliche Erweiterungen. Auch strukturelle Veränderungen prägten die nächsten Jahre.

1990 erfolgte die Anerkennung als spezielle Frühförderstelle durch das Land Hessen.

In den folgenden Jahren wurde versucht, durch räumliche und personelle Ausweitung der ständig zunehmenden Nachfrage nach Therapieplätzen gerecht zu werden und der wachsenden Institution durch strukturelle Veränderungen eine tragfähige Grundlage zu erhalten:

1992 erfolgte der Umzug in neue Praxisräume in der Westendstrasse. 1993 ging die Geschäftsführung des Therapieinstituts, die bisher ehrenamtlich von einem Mitglied des Vorstands des Trägervereins wahrgenommen wurde, auf das Therapieinstitut und dessen Leiter, Gerhardt Wiener, über.

In 1999 wurden zusätzliche Therapieräume in der Nähe (Gartenstrasse) angemietet.

In 2000 waren im Autismus-Therapieinstitut acht Therapeutinnen und Therapeuten über die Grenzen des Rhein-Main Gebietes hinaus tätig. Das Leistungsangebot des Autismus-Therapieinstituts umfasste nicht nur die Therapie für autistisch behinderte Menschen aller Altersgruppen und die begleitende Beratung der Familien und Bezugspersonen sondern auch die Mitwirkung bei der Förder- und Entwicklungsdiagnostik, die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit pädagogischen, pädiatrischen, psychiatrischen, medizinischen und therapeutischen Einrichtungen sowie Öffentlichkeitsarbeit, Fachvorträge und die Beratung und Fortbildung für andere Institutionen und Fachkräfte.

Im Jahr 2001 wurde mit dem Kreisausschuss Offenbach eine „Vereinbarung über Leistung, Vergütung sowie Wirtschaftlichkeits- und Qualitätsprüfung nach §§ 93 ff. Bundessozialhilfegesetz und §§ 77 ff. SGB VIII“ sowie die „Vereinbarung über die Vergütung der Leistungen des Autismus-Therapieinstitutes in Langen“ abgeschlossen. Diese wurde von den Kostenträgern in anderen Städten und Kreisen übernommen.

Im Jahr 2002 wurde die schon in den vergangenen Jahren geführte Diskussion nach langfristigen tragfähigen Strukturen und Rechtsformen für das Autismus-Therapieinstitut wieder aufgegriffen. Überlegungen, inwieweit Größe und Angebotsstruktur des Therapieinstituts durch die Strukturen eines Selbsthilfevereins perspektivisch weiterhin gesichert und ausgebaut werden können, der wachsende Kostendruck einerseits und eine lange Warteliste andererseits führten zur Entscheidung des Elternvereins, die Trägerschaft des Autismus-Therapieinstituts zum 1.1.2003 auf den Verein „Behindertenhilfe in Stadt und Kreis Offenbach e.V.“ zu übertragen.

In den darauffolgenden Jahren erfolgte die personelle und räumliche Erweiterung des Therapieinstituts mit dem Schwerpunkt der Regionalisierung des Angebotes. Nach wie vor gab es in Hessen nur 2 Therapieinstitute (Kassel und Langen), sodass das Einzugsgebiet des ATI Langen den ganzen süd- und mittelhessischen Raum und angrenzende Gebiete erfasste. Zusammen mit den zunehmenden Anfragen von Betroffenen, Eltern und Institutionen infolge einer verbesserten Früherkennung und Diagnostik v.a. im Bereich des Asperger-Autismus, führte dies zu einer fast explosionsartigen Entwicklung der Nachfrage nach Therapie und Beratung. Mit der Eröffnung von Regionalstellen sollte diesen Nachfragen einerseits nachgekommen werden und gleichzeitig das Angebot wohnortnaher erfolgen können. Damit einher geht auch eine bessere Vernetzung vor Ort mit Einrichtungen, die Menschen mit Autismus betreuen.

Die Chronik der Eröffnung von Regionalstellen des ATI:

2005 wurde die erste Regionalstelle in Frankfurt-Heddernheim in den Räumen der Frühförderstelle externe Therapie eröffnet. 2009 erfolgte der Umzug in eigene Räume in der Böttgerstrasse.

2006 folgte die Regionalstelle Darmstadt, zunächst  in einer Gemeinschaftspraxis, seit  2011 dann in neuen Räumen in der Steinackerstrasse

2008  Eröffnung der Regionalstelle Wiesbaden in den Räumen der Frühförderstelle des IFB in WI-Schierstein

2010 Regionalstelle Bad Nauheim in den Räumen der integrativen Sophie-Scholl-Schule

2011 Regionalstelle Höchst im Odenwald mit eigenen Räumen, zuvor waren wir über fast 20 Jahre Gast in der Drachenfeldschule in Erbach

2012 Regionalstelle Gießen, damit schlossen wir – auch auf Bitten von Einrichtungen und Eltern vor Ort eine Lücke in Mittelhessen.

2013 Eröffnung der Regionalstellen Offenbach und Heppenheim, Umzug der Regionalstelle Bad Nauheim in eigene Praxisräume.